Eine gute Medizin

Trailrunning ist keine gute Medizin, wann man mit Überlastungsschmerzen oder einer Überlastungsverletzung, welche man sich beim Laufen eingefangen hat, kämpft. Trailrunning ist auch keine gute Medizin, wenn man mit einem grippalen Infekt in den Seilen hängt und der Körper Ruhe bedarf. Trailrunning ist aber dann eine gute, wenn nicht gar die beste Medizin, wenn man sich so wie ich eine mentale Erschöpfung eingefangen hat. Natürlich nur, wenn diese mentale Erschöpfung nicht durch ein „zu viel“ an Trailrunning verursacht wurde, zum Beispiel wenn man zu häufig und ohne die nötige körperlich und mental ausführliche Regeneration dazwischen eine Langstrecke nach der anderen läuft. Ja, das ein Trailrun therapeutische Fähigkeiten hat, wissen wir alle. Wenn der Alltag zu viel wird, wenn Ärger und Stress den Arbeitstag geprägt haben oder eine Schreckensnachricht nach der anderen durch das Radio verkündet wird – dann wirkt so ein Trailrun befreiend. Sämtlicher Ballast wird mit jedem Kilometer mehr abgeworfen, Gedankenknoten entwirren sich, Ängste lockern ihren Griff und man bekommt den nötigen Abstand und findet sich im hier und jetzt – dort eine Wurzel, da ein Stein, dort vorne kommt ein großer Matschabschnitt – soll ich ihn umlaufen oder doch lieber mitten durch? Nach was ist mir denn heute? Den natürlichen Kleiderwechsel der Jahreszeiten beobachten – im Frühjahr die ersten Knospen an den Bäumen oder im Spätsommer das Wissen, das man soeben den letzten Hitzelauf des Jahres erlebt hat. Vorfreude kommt auf, auf den Herbst, den Matsch, die kühlen Temperaturen – und zugleich Wehmut, dass der Sommer geht und mit ihm die bunten Wiesen und Felder. Der erste Schneefall des Jahres, das Knartsen des Schnees unter den Schuhen, die einzelnen Spuren im Schnee. Mein Atem, mein Puls. Diese und noch tausend mehr Eindrücke sind das Salz in der Suppe eines Trailruns. Für mich ist es die beste Medizin, die ich meiner geistigen Gesundheit geben kann (abgesehen vom Lächeln meiner Frau ❤ 😉 )

Die letzten Monate musste ich erfahren, dass eben die Dosis das Gift macht. Ich wurde das letzte Jahr beruflich so stark mental gefordert, das ich in Folge dessen nun geistig angeschlagen und erschöpft bin. Da dieser Umstand im Lebensbereich Beruf jedoch noch auf unabsehbare Zeit so bleiben wird und ich meine geistige (Noch?-) Gesundheit nicht aufs Spiel setzen möchte bzw wieder zu Kräften kommen möchte, musste ich wider meines Willens einsehen, das dieses Jahr kein guter Zeitpunkt ist, meine läuferischen Grenzen zu erweitern. Denn um Ultras laufen zu können, braucht man nicht nur einen Körper, der fit ist, sondern auch einen Geist, der fit ist. Wenn meine mentale Batterie nicht voll geladen ist, wird so ein Ultra zur Tortur und die Gefahr ist groß, das ich sämtliche Lust am Laufen und auf die Trails verliere. An diesen Punkt wollte ich nicht kommen. Eine Überquerung einer Ziellinie war mir das nicht wert. Denn neben Katja und unseren Familien ist das Trailrunning zu DEM wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden, nach dessen regelmäßiger Bereicherung an Eindrücken und Erlebnissen ich süchtig geworden bin und ohne all dies nicht ich selbst wäre.

Um dieser Erschöpfung nicht noch mehr Energie durch Druck zu rauben, habe ich für mich entschlossen, mich von allen terminlich gebundenen Läufen wie Events, Wettkämpfen oder anderen Laufverabredungen erstmal zu verabschieden. Wenn, dann nur spontan. Das bedeutet aber nicht, das ich nicht mehr vorhabe, meine Grenzen zu erweitern. Das bedeutet nicht, das ich vielleicht irgendwann noch offene Rechnungen mit nicht überschrittenen Ziellinien begleichen möchte. Das bedeutet nicht, das ich von Träumen nur noch träume und sie nicht leben möchte. Vielmehr bedeutet dies, dass meine Priorität darauf liegt, wieder zu Kräften zu kommen. Nicht noch mehr erschöpfter zu werden. Und die beste Medizin dafür ist: Trailrunning und Laufen nach Lust und Laune. Völlig befreit von Druck. Kurz, mittellang oder lang. Schnell oder gemütlich. Fordernd oder regenerativ. Halb wandernd und halb laufend. Knietief durch den Matsch oder eine konstante Pace haltend auf Asphalt. Meine Heimat erkunden. Die unendlich vielen Trails der Schwäbischen Alb erkunden. Oder sonst irgendwo auf der Welt. Eben alles zu der mir richtigen Zeit.

Am vergangenen Freitag war es für mich die genau richtige Zeit, um auf dem Ströhmfeldweg unterwegs zu sein. Ich wiederhole mich da gerne: Es ist einer der schönsten Wanderwege, den ich nur wenige Kilometer von meiner Haustür entfernt vorfinde. Noch dazu verbindet er meine beiden Schicksalsberge: den Jusi und den Hohenneuffen. Viel zu selten laufe ich dort. Aber auch das wird sich ändern 🙂

Heute zum Beispiel wäre eigentlich ein langer Lauf für den in 3 Wochen statt findenden Schwarzwald-Marathon auf Forst- und Radwegen angesagt gewesen. Zum einen sind Katja und ich uns beide nicht sicher, ob wir dort überhaupt noch starten wollen und zum anderen lud das Wetter dazu ein, endlich mal unseren neuen Lauffreunden einen Teil ihres Reviers für die kommenden Wochen und Monaten vorzustellen:

Ok, das mit dem Einsauen müssen wir noch üben 😉

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