Me, myself and the Challenge – Chapter III: Victory or defeat?

Vor ziemlich genau einem Jahr stellte ich meinen bisherigen persönlichen Rekord am Jusi im puren Up&Downhill laufen auf: 8x hintereinander schaffte ich den 2km langen Loop. Die Bedingungen meiner mir eigens ins Leben gerufenen Challenge lauten: Es gelten nur durchgelaufene Uphills – sobald eine Gehpassage von Nöten ist, gilt dieser Uphill nicht mehr und die Anzahl der vorher gelaufenen Loops bestimmt das Ergebniss. Mein Ziel: 10 Loops!

Ein Loop misst im Uphill ca. 900m mit +170Hm Anstieg, der Downhill hat 1,1km mit -170Hm. Der Downhill ist etwas länger, da ich hier im unteren Teil eine kleine Schleife eingebaut habe, damit ich – unten angekommen – nicht auf dem Absatz kehrt machen muss. In dieser kleinen Schleife befinden sich auch die ca. 100m Streckenabschnitt, welche als einzigste flach sind. Die Strecke hat für Schwäbische Alb-Verhältnisse alpinen Charakter und ist besonders in der unteren Hälfte mit unregelmäßigen Stufen durchsetzt. Also nix mit einem gleichmäßigen Laufrhythmus, weder hoch noch runter (schwäbisch: „immr oahne dibbala“). Das Gewächs entlang des Pfades besteht ausschließlich aus Dornen und Stacheln. Jetzt, im März, hält es sich mit seinem Bewuchs noch im Winterschlaf – sobald es jedoch erwacht ist und seine Fühler ausstreckt, wird es noch um einiges schwieriger dort hoch zu laufen denn die Stufen können dann nicht mehr am abgeflachten Rand „umgangen“ werden. Zumindest für so Läufer wie mich, welche nicht gerade besonders groß und somit mit kurzen Beinen bewaffnet sind.

Hatte ich mich in den vergangenen Jahren immer wieder zu einem reinen Up&Downhill am Jusi eingefunden und mich schrittweise an die immer höher werdende Anzahl der Loops hingearbeitet, kann man meine Läufe des letzten Jahres dort an einer Hand abzählen. Und diese wenige Male waren immer Trailrunden, in denen der Anstieg oder Downhill am Jusi den Auftakt bzw. das Finale eines Trailruns bildeten.

Gestern wollte ich es endlich mal wieder wissen. Wieviel geht ohne spezielle Vorbereitung – sprich, ohne wenigstens einmal vorher dort mehrmals Up&Downhill gelaufen zu sein? War es möglich, meinen bisherigen Rekord wenigsten einzustellen oder gar doch die 10x zu knacken? Oder würde ich am Ende nur 5x mit Ach und Krach schaffen?

Ich konnte es schwer einschätzen. Letztendlich entscheidet auch die Tagesform und der derzeitige Trainingszustand nicht unerheblich mit. Klar, Höhenmeter bekomme ich einige in die Beine pro Woche – jedoch laufe ich derzeit oft von der Haustüre meine Runden und komme dort auf ca 450HM, je nachdem wie lange die Runde ist. Gelaufen an den Hügeln des Neckar- und Aichtales. Und natürlich lasse ich mich auch regelmäßig auf dem Hohenneuffen blicken. Der Jusi ist aber irgendwie doch nochmal ein anderes Kaliber. Mein Respekt ist groß.

Das Auto hatten wir als „Base“ an dem Wanderparkplatz abgestellt, welcher sich unmittelbar am Fuß des Jusi und somit direkt am Einstieg in den Loop befindet. Was ich gar nicht kann: direkt aus dem Stand heraus in eine Steigung laufen – und schon gar nicht in eine, welche sich knapp einen Kilometer lang nach oben zieht. (Auf den ersten 500m der klassischen Runde am Hohenneuffen befindet sich auch gleich ein knackiger Anstieg – dieser ist jedoch kurz). Also erstmal eine kleine Runde zum einlaufen, gute 1,5k. Ein bißchen bergab, ein bißchen wellig, ein bißchen wieder bergauf – dann ein leichtes Gefälle an der Straße entlang um dann in den Loop einsteigen zu können.

Beim ersten Mal rauf bin ich damit beschäftigt, die geeignetste Linie zu finden. Welche Stufe nehme ich auf welcher Seite? Manchmal geht´s im ZickZack-Kurs, manchmal quetsche ich mich noch gerade so am Dornengebüsch vorbei. Die untere Hälfte ist windstill, sie befindet sich in südwestlicher Hanglage. Jedoch ab dem ausgesetzten Abschnitt am Ende der unteren Hälfte und dem folgenden Wechsel auf die nördliche Hanglage pfeift ein kalter aus nordöstlicher Richtung kommender Wind mir um die Ohren. Hmmm… vielleicht doch nicht die Jacke oben ausziehen? Oben am Gipfel angekommen, kommt auch schon Katja um die Ecke um die restlichen Meter steilen Anstieg über den Wiesenweg zu nehmen. Ich werfe mich gleich wieder in den Downhill. So rasant wie ich ihn schon früher runter bin, geht heute nicht. Ich war zu wenig im letzten Jahr hier. Meine Augen tränen und verschleiern mir den Blick. Passiert bei mir immer, wenn ich direkt nach einem Uphill in einen Downhill wechsle. Egal ob Sommer oder Winter. Im Sommer schützt die Brille einigermaßen, im Winter dienen die Handschuhe zuverlässig um die Tränen aufzusaugen und den Augen wieder einen klaren Blick zu verschaffen.

Beim zweiten Mal merke ich, es läuft heute gut. Oben am Gipfel entscheide ich mich für „Jacke aus“. Ich habe einen guten Rhythmus gefunden der mich zuverlässig auch das dritte und vierte Mal nach oben und wieder nach unten trägt. Nach dem vierten Mal Anstieg ist ein wenig Energiezufuhr von Nöten. Bis dorthin hat mir meine Frühstücks-Butterbrezel gute Dienste geleistet. Mit der schlimmste Fehler dort ist, sich leer zu laufen. Und man sollte sich gut einteilen, wann, was und wieviel man zu sich nimmt. Viel Zeit zum Verdauen gibt es nämlich nicht bevor es wieder in den Anstieg geht. Pro Loop bin ich zwischen 20 und knapp 22 Minuten unterwegs. Meine Taktik: Am Gipfel immer einen kräftigen Schluck Wasser, dazu nach jedem zweiten Anstieg einen Bissen Riegel oder ein halbes Gel.

Beim fünften Mal rauf merke ich eine langsam beginnende Erschöpfung. Hier weiß ich, das ich mein Minimalziel von 6x auf jeden Fall erreichen werde. Und ich weiß, das ich die 8x wohl auch schaffen werde. Alles was darüber hinaus geht, kann ich nur auf mich zukommen lassen. Aus früherer Erfahrung weiß ich, das sich aufkommende Pein und Qual von Loop zu Loop nicht langsam steigert, sondern jedesmal potenziert.

Beim sechsten Mal werden im oberen Drittel des Anstiegs meine Fußballen und alles was anschließend nach vorne angewachsen ist, taub. Der Preis für das dauernde Vorfußabdrücken. Auch die Muskulatur wird müder, so langsam wird es schwer. Der Downhill bekommt leicht wackelige Züge. Ich treffe Katja und wir tauschen uns kurz aus.

Beim siebten Mal bin ich schon ziemlich fertig. Mein Magen meldet leichtes Unwohlsein, verursacht von der Anstrengung. Ich fange an, mir den Anstieg mental in Sektionen einzuteilen, welche ich eine nach der anderen ablaufe. Besonderes das obere Drittel wird gefühlt unendlich, die Fußballen werden immer noch tauber… Ein innerer Dialog stellt sich ein: „Wie oft schaffe ich es noch?“ „Ok, ein achtes Mal geht noch – dann habe ich immerhin meinen bisherigen Rekord eingestellt, bestätigt, aber dann? Vielleicht schaffe ich noch den neunten Loop – Wenn ich den neunten Loop jedoch schaffe, dann will ich aber auch den zehnten. Es ist schwer hinten raus, überhaupt so weit zu kommen“. Der Downhill ist zu einer Aufgabe geworden, die höchste Konzentration und Achtsamkeit verlangt. Ein klein wenig habe ich noch Hoffnung, vielleicht doch einen neuen persönlichen Rekord heute aufzustellen. Der nächste Loop wird entscheidend sein.

Beim achten Mal mutiere ich irgendwann auf der Strecke zu Monica Seles (Die stöhnende Tennisspielerin, mehrmalige Grand-Slam Gewinnerin Ende der Achtziger/ Anfang der Neunziger Jahre). Ich ächze lauthals vor mich hin – so laut, das ich es selbst hören kann, obwohl ich meine Ohren komplett mit Musik von der Aussenwelt abgeschottet habe. Zum Glück sind so gut wie keine Leute am Berg unterwegs, ein bißchen peinlich ist mir mein Gestöhne ja schon. Aber ich kann nicht mehr anders. Bereits seit den ersten Metern im Aufstieg muss ich dauerhaft gegen den Impuls ankämpfen, nicht ins Gehen zu verfallen. Auch mein Magen meldet sich wieder, die Zeit während des Downhills hat ihm zum Ausruhen nicht gereicht. Mein Körper ist am Ende, alles schreit nach Aufhören. Die Fußballen mögen nicht mehr, die Sehnen und Bänder um den Fußknöchel herum schreien, die Waden zwicken und mein Magen möchte frische Luft schnappen. Ich glaube, auch mein Herz mag nun nicht mehr so oft schlagen und pumpen müssen. 3h am Limit mit nur kurzen Pausen fordern nun ihren Tribut. Doch ich will im achten Loop nicht scheitern! Ich will wenigstens meinen Rekord eingestellt haben… alle mentalen Versuche, mich von den Strapazen abzulenken, scheitern. Selbst auf den letzten zehn Metern unterhalb des Gipfel muss ich immer noch gegen den Impuls ankämpfen, nicht ins Gehen zu verfallen oder nur mal ganz kurz stehen zu bleiben. Dann bin ich endlich am Gipfel. Meinen Beinen selbst – speziell die Oberschenkel – meckern nicht, aber alles andere ist totally exhausted. Oben denke ich noch – ok, ich warte jetzt mal den Downhill ab und entscheide mich unten, ob ich einen weiteren Loop angehe. Diesen Gedanken verwerfe ich jedoch schon auf den ersten Metern im Downhill – ich komme nur noch sehr wackelig hinunter. Mit laufen gefühlt hat das nichts mehr zu tun, ich hoffe nur inständig, heil unten anzukommen. Auf halber Strecke nach unten treffe ich Katja und teile ihr mit, das ich jetzt für heute Schluss mache. Kein weiteres Quälen mehr.

Je trainierter man ist, desto (relativ) schnell erholt man sich von Strapazen. Bereits eine viertel Stunde nachdem ich  am Auto etwas erholen konnte, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte und vielleicht doch noch ein weiteres Mal gegangen wäre… jedoch wären erreichte neun Loop zwar ein neuer Rekord für mich gewesen, aber auch gleichzeitig das Scheitern an zehn Loops. Denn das war gestern sicher, diesen zehnten Loop hätte ich auf keinen Fall mehr geschafft, ohne ins Gehen zu verfallen (und sei es nur deshalb gewesen, das mein Magen sich entleert hätte).

Ein wenig stolz bin ich trotzdem auf mich, denn ich konnte die acht Loop ohne spezielle Vorbereitung an der Strecke und am Berg reißen 🙂

Der heutige Systemcheck ergibt einen leichten Muskelkater, hauptsächlich im unteren Rumpf und im Allerwertesten. Die Beine sind müde und mein gesamter Organismus ebenso. Jedoch fielen die regenerativen Maßnahmen mit Couch Stretch und Black Roll weniger schmerzhaft aus als befürchtet.

Die Eckdaten des gestrigen Versuchs: 18k, +1500Hm, -1500HM Dauer: 03h 06Min

Hier gibt es noch die ersten beiden Teile der Challenge zu lesen:

Chapter I

Chapter II

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9 Kommentare

  1. Das schreit ja fast danach mich demnächst auch mal wieder am Jusi zu versuchen. Hab erst 1 x Up und Downs absolviert, damals waren es 6 echt Ups und der 7 war schon mit Geheinlagen. Ich komme wieder und irgendwann will ich auch mal die 10 knacken 🙂

    Ich finde 8 Ups ist auf jeden Fall eine super Leistung.

    1. Danke!

      Die 10 ist echt hart. Für mich denke ich, wird es ohne gezielte Vorbereitung nicht zu schaffen sein. Mal schauen, ob ich das die nächsten Wochen noch unterbringe bevor wieder alles zugewachsen ist… denn die Stufen in der Mitte nehmen zu müssen sind der absolute Killer für mich – oder noch mehr und öfter gezielte Vorbereitung nötig 😉

      1. Dennoch verdient es auch Respekt zu erkennen wann es genug ist! Die Gefahr sich dann im Uphill zu verletzen wäre das Risiko nicht wert gewesen.

        Die rasche Regeneration finde ich auch oft fies, kurz nach dem Lauf noch fertig mit der Welt und kaum daheim meint man gleich wieder los zu können. 🙂

      2. Ja, um diese Zeit in der Aufbauphase für die Jahreshighlights wäre ein Sturz (kommt auch darauf an, wie er ausgeht – das weiß jedoch niemand vorher) oder völliges Abschießen kontraproduktiv gewesen. Obwohl, ich war in dem Moment der Entscheidung zum Aufhören völlig abgeschossen 😉

        Im Laufe des Folgetages stellte sich dann schon heraus, das eine ausgiebige Regeneration von Nöten war. Dafür konnte ich diese Woche von der Superkompensation profitieren 😀

  2. Freut mich, wenn Du da profitieren konntest 🙂 Glaubt man immer erst gar nicht, genauso wie die nötigen Regenerationsphasen, gerade dann wenn’s super läuft.

    Bin mir sicher die 10 bekommst Du hin. 😉

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