Im Tal des wilden Kerl

Diese Woche ist ein Geschenk. In vielerlei Hinsicht. So langsam – und mit etwas Unterstützung der Homöopathie – gelingt es mir endlich wieder, etwas mehr von meiner sonst so selbstverständlichen Lebensfreude zurück zu gewinnen, die ich schleichend in den letzten Wochen und Monaten verloren habe.  Jeden Tag gewinne ich mehr an den Dingen zurück, die für mich das Leben ausmachen. Mit Zuversicht und Freude in den Tag hinein zu kommen, Lust wieder an den Dingen zu haben, die ich (gerne) mache. Ganz vorderst steht die Lust am Laufen – meine Basis, mein Standbein. Und wenn das wieder rollt, kommt der Rest von ganz alleine. Da bremst mich selbst mein zwickender Ischias nicht mehr aus, ja, auch das bessert sich von Tag zu Tag. Plötzlich und aus heiterem Himmel und ohne offensichtlich erkennbare Ursache erwischte es mich mitten letzte Woche. Schmerzen in der linken Pobacke, die das ganze Bein hinunter zogen. Letztendlich nur der Gipfel des ganzen Trübsinns welcher die letzten Wochen immer mehr von mir Besitz ergriff, verursacht durch Stress. Auch zum Schreiben und Bloggen hatte ich keine Lust mehr. Negative Energie und stetig wiederkehrende Gedankenkreisel zogen mich immer weiter hinab. So weit hinab, das ich die Lust am Laufen verlor und alles, auch das Laufen, nur noch abspulte. Da halfen auch meine zwei Urlaubswochen nicht richtig, um aus diesem Loch zu kommen. Nun spüre ich endlich, das ich die *mich immer weiter nach unten ziehende* Spirale durchbrechen konnte und mein Weg wieder frei ist, nach oben zu kommen. Schon allein dieses Gefühl wieder zu haben ist ein machtvoller Gewinn für mich und gibt mir Kraft, Zuversicht und Positivität. Und nun diese Woche! Während ich noch in der Frühschicht bin, erstickt das Neckartal im Nebel. Mystisch und zugleich schön, wenn ich im Dunkeln und durch den Nebel in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit radel. Pünktlich zum Feierabend hat sich jedoch der Nebel verzogen, und die Sonne taucht alles in ein warmes Licht. Die Farben – man kann sich gar nicht satt sehen daran, so schön bunt ist alles – und es sieht jeden Tag ein wenig anderst aus. Für mich ist der Herbst die schönste Jahreszeit, auch wenn sie eigentlich von „Vergehen“ geprägt ist.

Ich habe das Privileg, direkt am Neckar zu wohnen. „Neckar“ kommt aus dem keltischen und wird mit „Wilder Kerl“ übersetzt. Wochen- nein, monate- wenn nicht jahrelang plätschert der Fluß friedlich vor sich hin, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Aber ich habe ihn auch schon wild erlebt – zweimal in den siebzehn Jahren, seit denen ich in direkter Nachbarschaft zu diesem Fluß wohne, hat er mich in Angst und Schecken versetzt. Das geht schnell. Sehr aufbrausend kann er sein und ist dann beinahe nicht mehr zu bändigen. Einmal standen die Sandsäcke vor der Haustüre, als ich von einem Wochenendausflug Sonntag abends zurück kam und im Mai 2013 sind wir nur um Haaresbreite an der Überflutung unseres Wohnviertels vorbei geschrammt. Ich gebe zu, das ist nicht sehr angenehm, das mit zu erleben. Ständig überlegt man, wie das dann so wird, wenn wirklich das Wasser kommt, der Strom und das Gas abgeschalten wird, der Keller und vielleicht noch mehr unter Wasser steht – einem sein Zuhause genommen wird – wenn auch nur für eine bestimmte Zeit. Komischerweise sind an solch heftigen Hochwassertagen immer viele Menschen am Fluß, sie kommen um zu gaffen. Sonst ist an der Nürtinger „Flußpromenade“ (welche übrigens sehr schöne Ausblicke bietet) nicht viel los.

Ich kann also zur Haustüre raus, laufe um die Ecke über die Steinach (noch so ein kleiner Fluß der sich in den seltenen Hochwasserzeiten mit dem Neckar verbündet und unser Hab und Gut bedroht – ansonsten aber sehr harmlos ist und übrigens unterhalb des Hohenneuffen entspringt) und vor zu ihrer Mündung in den Neckar (eine der letzten und wenigen naturbelassenen Mündungen) und bin in nicht mal einer halben Minute Laufzeit im Grünen. Wohl gemerkt, ich wohne trotz der halben Minute Entfernung zum Grünen in der Innenstadt. Sowas nenne ich eine gute Infrastruktur 😉

Über Schotterwege und Trails kann man immer direkt am Fluß entlang laufen und das Tal weitet sich bis zum Wendepunkt in Neckartailfingen. Von dort geht es über Wiesen- und Feldwege zurück vorbei am Beutwangsee, der einen Trail bietet, welcher mir auch nach dem x-ten Mal Laufen immer ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Alternativ kann ich auch dort wunderbar Tempo- und Intervalltraining auf Asphalt absolvieren, je nach dem worauf ich Lust habe. Oft mixe ich alles zusammen. Erst das Tempo, dann das Trailvergnügen… Das Tempo muss derzeit Pause machen, denn das möchte ich meinem lädierten und in Heilung befindlichen Ischias nicht zumuten 😉 Dann gibt es auf der Strecke noch ein kleines MTB-Übungsgelände eines ortsansässigen Vereins, welches sich gut zum Trailschuhtest im Miniformat nutzen lässt – oder einfach nur zum kreuz und quer drüber und drunter und hoch und runter fetzen…

 

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2 Kommentare

  1. Soooooo schön, meine neue Heimat… und meine künftige *vor-der-Haustür-Runde*… und vor allem sooooooo schön, dass Du das alles jetzt wieder richtig genießen kannst!!! ❤ :-*

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