Winter am Sommeranfang: Zugspitz Ultratrail 2015

Ein heftiges Tiefdruckgebiet tobte sich am vergangenen Wochenende über dem Zugspitzmassiv aus. So massiv, das sich der Veranstalter des Zugspitz Ultratrails aus Sicherheitsgründen gezwungen sah, einen Abschnitt der Ultra- und ZST XL Strecke zwischen V3 und V4 über die Alternativroute zu führen und im weiteren Lauf für alle Strecken die hochlagige Runde zwischen V9 und V10 hoch zum Osterfelderkopf zu streichen. So durchdringend, das es für mich selbst noch jede Menge graue Wolken im Gepäck hatte, die es mit mentaler Kraft aufzulösen galt. So viel vorweg: es war alles andere als leicht. Ein verdammt hartes Brett!

Wir hatten uns für den ZST XL (78,5k und 4100HM) angemeldet und wegen der wetterbedingten Streckenänderung galt es somit dann, 69,2k mit 3100HM zu bewältigen. Knapp 15h waren wir dafür unterwegs. 15h, in denen wir (und alle anderen Teilnehmer des ZUT) bis auf ganz kurze Ausnahmen ausnahmslos durch Regen liefen. Also nicht nur so ein *vor sich dahin Getröpfele*, nein. Entweder war der Regen mäßig oder er war stark. Nur ca eine Stunde lang fielen nur vereinzelt Tropfen. Das war´s. „NasSau“ lag an diesem Wochenende nicht auf den Bahamas, sondern rund um die Zugspitze… Ich bin gewiss keine „Schönwetter-Läuferin“. Aber ganz ehrlich: den äußerst beliebten Standardspruch unter Trailrunnern „bei schönem Wetter kann ja jeder“ konnte ich nicht mehr hören bzw. lesen. Irgendwann ist genug mit Regen… es ist für mich einfach nur total ätzend, wenn ich über viele Stunden hinweg keinen einzigen Quardatzentimeter trockene Haut mehr an mir habe und auch egal, wo ich versuche, meine Hände abzuwischen – alles nass ist. Ich durfte solche Bedingungen ja bereits letztes Jahr beim Karwendelmarsch erleben. Danach wußte ich, das ich das zwar aushalten kann – aber ich gelangte damals ebenso zu der Erkenntnis, das Dauerregen länger als 4h  für mich eine zusätzliche Herausforderung zur Herausforderung des Ultras ist. Ein klein wenig schmälert es mir schon den Spaß an der Sache, zumal ich am Hochgebirge auch die schöne Aussicht liebe und diese bei solch Wetterlage leider nicht genießen kann. Der Anblick der Landschaft schmälert mir ein wenig die Strapazen 😉

Am Freitag Nachmittag trafen wir mit der Bahn in Grainau ein. Noch war es trocken von oben. Auf dem Weg zu unserer Lieblingspension holten wir auch sogleich noch unsere Startunterlagen, damit wir noch vor der Pastaparty mit anschließendem Briefing in Ruhe unser Zeugs für den Samstag richten konnten. Unser Bustransfer nach Ehrwald zum Start ging bereits um 06.15 Uhr. Sogar unser Frühstück hatten wir mit im Gepäck und in unserer Pension gibt es luxuriöser Weise einen Wasserkocher im Zimmer, so dass wir auf das Wichtigste am Morgen – den Frühstückstee – nicht verzichten mussten. Denn Hetze beim Frühstück vor einem Lauf geht mal gar nicht 😉

Auf dem Weg zum Briefing regnete es bereits und wir bekamen einen Vorgeschmack auf das Wetter, welches uns den ganzen Samstag lang begleiten würde. Die Kälte bahnte sich auch schon ihren Weg in die Knochen. Bei der Abholung der Startunterlagen wurden wir als erstes darüber informiert, das am Samstagmorgen entschieden werden würde, ob zwischen V3 und V4 auf der Alternativroute (Gaistal) gelaufen wird. Zusätzlich wurde beim Briefing bekannt gegeben, das  während bestimmter Streckenabschnitte Verpflichtung zur Langbekleidung gilt:

ZUT1

Nun gut, wir harrten der Dinge und gingen früh zu Bett. Alles geschieht zu unserer Sicherheit. Bei solchen Bedingungen benötige ich sowieso keine Verpflichtung zur Langbekleidung, und bei einer geschlossenen Schneedecke ist es im hochalpinen Bereich gefährlich für Trailrennerei. Absolutes Verständnis für die Maßnahmen des Veranstalters. Allerdings bedeutet die Alternativroute für uns, das genau der Streckenabschnitt weg fällt, wegen dem wir uns vornehmlich für die XL-Version des Supertrails angemeldet hatten. Zum Glück durften wir letzten Oktober dort oben an diesem äußerst wunderschönen Fleckchen Erde unterwegs sein… das tröstet ein wenig.

Auf dem Weg zum Bustransfer tröpfelte es nur ein wenig und ich schickte Stoßgebete in den Himmel hegte ein wenig die Hoffnung, das es wenigstens zum Start trocken sein würde. Während der Busfahrt nach Ehrwald regnete es mal mehr und mal weniger, und so blieb es dann auch bis zum Start. Alle ankommenden Teilnehmer des ZST XL verkrochen sich unter Markisen oder dergleichen, um die verbleibende gute Stunde bis zum Startschuß so lang wie möglich trocken zu bleiben. Wir fanden nach dem obligatorischen Toilettengang ein Plätzchen in einem Vorraum einer Bankfiliale. Die Stimmung dort war sehr gedämpft, alle starrten mit leerem Blick mehr oder weniger vor sich hin. Nichts war zu spüren geschweige denn zu hören von der ansonsten in Startboxen üblichen adrenalingeschwängerten, vorfreudigen und redseligen, voller Lachen gesättigter Stimmung. Das erste Mal in meinem Leben kämpfte ich während der Ausübung meiner Leidenschaft gegen den Gedanken: „Was tue ich mir hier überhaupt an?“, „Fxxk, fxxk, fuxxxxxk!“. Der Schweinehund in mir wollte mich glauben machen, das es doch so viel schöner wäre, für heute hier und jetzt den Ultradienst zu quittieren und statt dessen mit der Bahn nach Grainau zurück zu fahren um einen Tag in der Sauna zu verbringen. Vor Scham gebe ich dem Schweinehund aber nicht nach und hoffe einfach nur inständig, das wir wenigstens heil bis Mittenwald kommen. Auf den ersten 35k des ZST XL gibt es so gut wie keine Zivilisation und ein Ausstieg – z Bsp wegen Unterkühlung oder dergleichen – könnte zu einem unspaßigem Erlebnis führen auf das ich so gar keinen Bock hatte. Ich entschied mich noch in dem Vorraum der Bank, hier bereits meine Regenhose drüber zu ziehen und auch die Handschuhe (zwei Paar, einmal Einweg drunter und Normale drüber) streifte ich mir über. 8° am Start waren eine Ansage. Erst in den letzten 20 Minuten vor dem Start begaben wir uns zur Ausrüstungskontrolle und in die Startbox.

Beim letzten Briefing in der Startbox erfuhren wir, das die Vorläufer starken Schneefall am Feldernjöchl meldeten (beim Start des Ultras um 07.15Uhr war die Originalroute noch offen) und deshalb kruzfristig auf die Alternativroute umentschieden wurde. Dann vergingen die letzten wenigen Minuten bis zum Start zum Glück sehr schnell, alle wollten einfach nur noch los, Bewegung, bewegen, den inneren Motor endlich in Gang werfen. Und der innere Motor durfte auch gleich mal richtig in Schwung kommen: In Ehrwald ist der Start so gelegt, das man direkt und ohne Umweg in eine zwar leichte, aber dennoch spürbare Steigung hinein läuft. Der Puls kam schnell auf Touren. Am Ortsende ging es auch gleich auf den ersten Trail, den Koppensteig. Dort bogen wir dann gleich im Anschluss auf die Ultrastrecke ein und ein Forstweg leitete uns zur Ehrwalder Alm und anschließend hinauf zur Pestkapelle V3. Wir liefen von Anfang an hinten im Feld (beim ZST XL ist das recht überschaubar, nur um die 140 gemeldete Starter). Ich kam überhaupt nicht in meinen Rhythmus. Der Schweinehund tobte in mir und wurde immer stärker und größer. Mein Rucksack fühlte sich unendlich schwer an. Das Wetter ging mir extremst auf den Sack. Kurz gesagt: Ich hatte bereits auf den ersten Kilometern ein richtig heftiges mentales Tief. Katja bemerkte dies wohl an meiner Wortkargigkeit. Als wir bei Schneeregen begleitet von starkem Wind und Arscheskälte an V3 ankamen (kurze Erläuterung: die Verpflegungsposten =V sind durchnummeriert auf die Ultrastrecke. Bedeutet, das V3 unser eigentlicher V1 war…)

HP

war ich wirklich kurz davor, auszusteigen. Die Worte „Katja, ich steige aus. Ich laufe nach Ehrwald und fahre zurück“ waren im Kopf aber fanden doch nicht den Weg in meinen Mund, damit ich sie hätte aussprechen können. Der Kuchen von V3 im „Entrance“ zum Magen hatte wohl den „Exit“ der Sprache verstopft. Um den „Exit“ auch ja nicht frei zu geben, beförderte ich ein Gel noch zusätzlich hinein. Dann zogen wir recht zügig weiter. Lange stehen bleiben war nicht drin, wir kühlten zu schnell aus. Der Zucker, der sich nun in meinem Körper ausbreitete, spendete auch gleichermaßen Licht im tiefen Dunkel meines Innersten und ich kam Schritt für Schritt aus meinem Tief heraus. Ein kurzes Stück Steig führte uns etwas weiter nach oben und spätestens an dem Punkt, wo die Alternativroute abzweigte, war wohl jedem klar, das heute niemand etwas oben am Feldernjöchl zu suchen hatte. Der Forstweg führte uns wieder hinab ins Gaistal, vorbei an der Tillfussalm und Gaistalalm bis zu V4, der Hämmermoosalm

An der Hämmermoosalm gab es warmen Tee und ich aß einen Riegel um mich für den nächsten Streckenabschnitt zu stärken. Der Wurzelsteig bis zur Wettersteinhütte und der Aufstieg über die Wangalm zum Scharnitzjoch stand uns bevor. Wegen der Alternativroute würde das Scharnitzjoch mit 2048MüNN für dieses Jahr der „Highest point of the race“ sein. Eines war sicher: dort oben würde Schnee liegen und Temperaturen knapp über 0° sein. Was soll ich sagen – der Abschnitt zwischen V4 Hämmermoosalm und V5 Hubertushof (gelegen in der Reindlau im Unterleutaschtal) war wirklich der aller schönste des Tages. Der Wurzelsteig war klasse und wir konnten lange Abschnitte davon laufen, da er sich hauptsächlich am Berghang leicht wellig hinzieht. Dort überholten uns bereits die ersten schnellen Jungs, die auf der Ultrastrecke unterwegs waren.

Dann kam der Aufstieg zum Scharnitzjoch. An der Wangalm kauerten drei Ziegen an der Hauswand, um wenigstens ein wenig Wärme und Schutz vor dem Wetter zu haben. Danach waren wir, abgesehen von ab und an uns immer wieder überholenden Ultratrailern, allein unterwegs. Was für eine Stimmung! Entferntes Ziegenglockengeläut, ansonsten absolute Stille. Der Nebel und der Schnee, welche nun mit jedem Höhenmeter, den wir nach oben stiegen, zunahmen, verschluckten alles. AWESOME!

Schneller als erwartet waren wir oben am Scharnitzjoch. Dort erfuhren wir, das die Strecke im weiteren Verlauf wegen Schnee auf dem Osterfelderkopf verkürzt wurde. Die hochlagige Runde zwischen V9 und V10 wurde rausgenommen. Bis dorthin waren wir aber noch eine ganze Weile unterwegs. Klar war für mich, das wir nun sogar noch vor Mitternacht ins Ziel kommen könnten. Wir plauderten noch ein wenig mit dem Streckenposten (Fotografieren war nicht so angesagt, gab ja nicht viel zu sehen 😉 ) am Joch und währenddessen traf dann auch die führende Frau auf der Ultrastrecke ein. Dann ging es in den langen Downhill, das Puittal hinab. Very muddy and slippery – und der einzigste Abschnitt des Tages, wo sich erkennen ließ, das es die Sonne vielleicht doch noch im Universum gab und sogar der Regen hörte für kurze Zeit auf. 100 Punkte auf dem Geilomat 🙂

Im Tal unten wurde es sogar richtig warm. So warm, das ich mit dem Gedanken spielte, mich evtl mal – zumindest für eine gewisse Zeit – von meiner gesamten Regenbekleidung befreien zu können. Ich wartete den V5, Hubertushof, ab. Dort gab es köstliche Tomatensuppe mit (Spätzles)Knöpfle-Einlage. Lecker! Zwei Becher davon fanden den Weg in meinen Magen. Wir trafen dort auf eine Bekannte von Katja, die einen Läufer auf der Ultrastrecke supportete. Tat gut, wenn da jemand ist, der einem etwas hilft, seinen ganzen Krimskrams am VP zu verwalten 🙂 Noch während wir am V5 verweilten, begann es wieder zu tröpfeln. Also nix mit Regenkleidungentledigung. Nun folgte der lange Hatscher im Leutaschtal bis zum Eingang der Geisterklamm. Bereits nach wenigen hundert Metern laufen goss es wieder in Strömen, die Wolken hangen tief, der Himmel war einheitsgrau… und der Hatscher wollte einfach nicht enden. Dort hatte ich bereits letztes Jahr ein Tief und auch dieses Jahr war der Abschnitt nicht leicht. Beides zusammen (Regen und Hatscher) verdunkelten auch wieder etwas mein Gemüt. So langsam wurden die Schritte auch etwas schwerer, bewegten wir uns nun auch schon auf die 40k-Marke zu. Wir gönnten uns immer wieder Gehpausen. Bei trockenem Wetter ist das auch erholsam, bei Starkregen darf man es damit nicht übertreiben, da man eben doch schneller auskühlt. Mittlerweile hatte ich auch keinen einzigen noch so winzigen trockenen Quardatzentimeter an mir. Dann kam endlich die Geisterklamm und Mittenwald mit V6 nicht mehr weit. Das Wetter besserte sich wieder und ich verwarf den Gedanken, in Mittenwald auszusteigen um von dort mit dem Zug erst nach Garmisch und dann weiter nach Grainau zu fahren. Abermals hatten sich Gedanken über einen Ausstieg aus dem Rennen in mir breit gemacht. Aber wieder, wie beim Hänger an V3, sprach ich diesen Gedanken nicht aus und ging einfach weiter. An V6 langte ich wie üblich am Kuchen zu und trank Tee. Dazu eine kleine handvoll gesalzene Nüsse. Einen Riegel hatte ich bereits auf dem voran gegangenen Hatscher verdrückt. Von V6 führte ein schöner Trail im Wald zum Ferchensee, V7. Diesen Abschnitt galt es nochmal in vollen Zügen zu genießen, denn nach V7 würden viele viele Kilometer auf dem Bannholzweg (Forstweg mit ätzend steilen Rampen) auf uns warten. An V7 gab es lecker Tomaten mit Mozzarella, Schokolade (Himmel auf Erden!) und Reissuppe.

Mein Magen vertrug alles, was ich zu mir nahm. Überhaupt, mein Körper funktionierte tadellos. Die Schwachstelle an diesem Tag war eindeutig meine Psyche. Diese stellte mir immer wieder Steine in den Weg. Der Rote Faden der letzten Wochen ließ mich auch während des Rennens nicht davon ziehen. Tapfer stapften wir den Bannholzweg entlang, meistens gehend. Zu steil waren uns die Rampen und lieber sparten wir uns hier die Körner und hoben sie uns für den Aufstieg von V8 zu V9 auf. Aber der Bannholzweg und der wieder einsetzende starke Regen kratzen an meiner Motivation. Ich fühlte mich auch ganz schön erschöpft, wir bewegten uns auf die 50k-Marke zu. Wieviel Kilometer wir tatsächlich bereits in den Beinen hatten, wussten wir nicht so genau. Im eingestellten Sportmodus „Ultra“ auf unseren Ambits ist ein 60sec GPS-Aufzeichnungsintervall hinterlegt, damit der Akku auch jenseits der 12h reicht. Deshalb zeigt die Distanzangabe in zunehmenden Verlauf der Strecke immer etwas weniger an als man tatsächlich bereits unterwegs ist. Abermals befand ich mich in einem Tief. Ich teilte Katja mit, das ich – falls sich das Tief nicht verabschieden würde – an V8 Partnachalm aussteigen würde und mich nicht mehr in diesem Zustand über den Längenfelder (V9) und abschließenden schwierigen Downhill, den Jägersteig, quälen würde. Zum Glück ignorierte sie mehr oder weniger meine Aussage und riet dazu, erstmal V8 zu erreichen und dann zu schauen, was zu tun wäre. Ich hatte ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber, das ich sie mit meinem Negativkram belastete und entschied für mich, mein noch vorhandenes körperliches Können im nahenden Kälbersteig zu testen, der noch vor V8 auf uns warten und Abwechslung in das triste marschieren auf dem Bannholzweg bringen würde. Letztes Jahr beim Supertrail war ich mental um Universen besser drauf, hatte jedoch im Kälbersteig technisch etwas Probleme und stolperte diesen teilweise mehr schlecht als recht hinunter. Zweimal vertrat ich mir den Fuß damals, glücklicherweise aber nie so sehr, das es Schmerzen verursacht hätte. Der Vergleich zum Vorjahr würde mein Gradmesser sein. Am Einstieg zum Kälbersteig *dopten* wir uns kurz mit einem Koffein-Shot (damit auch ja alle Sinne voll einsatzbereit waren) und dann lief es richtig gut! Kein Stolpern, kein Straucheln, kein Umknicken. Spitze! Das gab mir das nötige Selbstvertrauen und noch bevor wir V8 erreichten, war klar, das wir (also insbesondere ICH) bis zum Ziel gehen würden!

kurz vor V8 - wegen der Kürzung der Strecke waren es jedoch nur noch 14k

kurz vor V8 – wegen der Kürzung der Strecke waren es jedoch nur noch 14k

V8 war bestens ausgestattet, es gab alles, was ein Läufermagen begehrt und sogar frische Erdbeeren wurden uns dargereicht. Wir hielten uns so lange wie nötig auf und zogen weiter, weiter in den letzten Anstieg des Tages hinein, hoch zu V9, hoch zum Längenfelder. Erst Forstweg, dann sanft ansteigender und in weiterem Verlauf in Serpentinen nach oben schlängelnder Trail. Hier galt das Motto: „Immer dem Wasser entgegen!“ Der Trail wurde zum Bach, und keiner von uns wollte mehr anhalten, ehe wir nicht dort oben waren. Nicht zum fotografieren und auch nicht zum Stirnlampe aus dem Rucksack friemeln. Wir wollten noch mit dem letzten Tageslicht an V9 ankommen. Dies hatten wir gut getimed und unser Plan ging auf. An V9 wurde es zunehmend dunkel und wir nahmen uns Zeit um im beheizten Zelt einen Becher Suppe zu essen, eine Dose Red Bull zu teilen und uns für den Downhill über den finalen Jägersteig mit der Stirnlampe zu wappnen. Nun hatten wir nur noch 6k vor uns! Wir einigten uns darauf, „safety first und schxxß auf die Zeit“ den Vorrang zu lassen. Mit dem Jägersteig ist nicht zu spaßen, ist er sogar bei trockenen Verhältnissen stellenweise schmierseifenrutschig. Jetzt bloß keine Verletzung mehr riskieren!

Wir waren zwar die Vorletzten im Feld der XLer, hatten aber immer mehr als ausreichend Zeitpuffer auf die Cut Offs an den VPs. Die Cut Off Zeiten an den VPs wurden auf Grund der Alternativroute ab V4 um jeweils eine Stunde nach vorne gezogen. Wegen unserem gemeinsamen Trainnigsausfall in den voran gegangenen Wochen hatten wir keine Möglichkeit mehr, einen Stirnlampenlauf zu absolvieren. Eigentlich wollten wir das noch machen, um unsere Gehirne und Sinne an die Bedingungen des Laufens in der Nacht mit Stirnlampe wenigstens etwas zu schulen, lagen die letzten Lampenläufe doch viele Monate zurück. Aber es ging gut! Erstaunlich gut sogar. Probleme bereitete uns lediglich die allseits bekannte Kränkelei der Salomon Speedcross: in nassem Zustand rutscht die Einlegesohle zusammen und wirft Falten. Sie fängt an, im Schuh nach vorne zu rutschen. Bereits seit dem Downhill vom Scharnitzjoch herunter mussten wir immer wieder die Sohle im Anschluss richten. Nervig, aber leider unumgänglich. Meine Sohle hielt etwas besser als die von Katja, da ich sie mit einem Streifen Panzertape stabilisiert hatte. Dies hatten wir bei Katja´s Schuhen im Vorfeld leider verbummelt. Aber auch bei mir hielt die Sohle nicht ganz stand, ja, es war sogar so, das sich das Panzertape an einigen Stellen regelrecht in seine Bestandteile auflöste. Es kam so weit, das Katja ab der Hälfte des Jägersteiges sogar die Einlegesohlen komplett aus den Schuhen nahm. Und wegen ihres langsam anfangenden muckernden Knies entschlossen wir uns, einfach zügig aber nicht mehr laufend vollends abzusteigen. Einen positiven Effekt des Dauerregens konnten wir noch feststellen: der Jägersteig war in nassem Zustand lange nicht mehr so rutschig wie er in den vergangenen zwei Jahren bei trockenen Verhältnissen war. Klingt komisch, war aber so 🙂 Lediglich im unteren und steilsten Abschnitt war es ganz kurz rutschig. Schon bald konnte ich die Lichter von Hammersbach (Ort) sehen, das Ziel war in Hörweite und der Hammersbach rauschte laut neben uns. Das Zeichen, das wir das Ende des Jägersteiges erreicht hatten und nur noch die letzten zwei flachen Kilometer nach Grainau vor uns lagen. An einer Bushaltestelle kamen die Einlegesohlen wieder in die Schuhe, damit Katja den Rest laufend hinter sich bringen konnte. Um 22.57 Uhr war es dann nach 15h „on the Ultra“ soweit: Wir nahmen uns an den Händen und liefen ins Ziel!!!

It always....

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Das war mein bisher mental schwierigster Ultra. Daher gilt mein größtes Dankeschön Katja, denn ohne sie an meiner Seite hätte ich dieses Brett wohl nicht durchgestanden. Danke, danke danke mein Herz!!! ❤

Im Ziel gönnten wir uns natürlich unser Zielbier, abermals einen Becher Suppe mit Nudeln und ganz besonders lecker waren die frisch gebackenen Waffeln 🙂 Schnell holten wir unseren Dropbag und gingen in die Pension. Der Zieleinlauf war der schönste und erleichterndste Moment des langen Tages, das „nach Hause kommen“ der wohltuendste. Der trockene und warme Fußboden in der Pension tat so gut!  Ich wollte nur noch weniges: frisch geduscht und trocken im warmen Bett liegen 😉 Sogar etwas Schlaf war in der Nacht drin, zwar nicht viel, aber immerhin knapp 3h. Und, im Vergleich zum letzten Jahr nach dem ZST, ging es mir am Tag danach deutlich besser. Mein Verdauungstrakt murrte nicht rum, der Appetit war normal und der Muskelkater auch nicht so schlimm. Nicht mal eine Blase am Fuß, keine Zipperlein. Mein Rücken ist ziemlich verspannt, aber auch das wird sich geben.

Fazit: Es war mal wieder eine rundum klasse organisierte Veranstaltung. Großen Respekt und Dank an Alle, mit deren Hilfe solch ein Erlebnis möglich wird.

Ich habe viel gelernt und ich hoffe, mit dieser Erfahrung in Zukunft mental besser gewappnet zu sein. Diesen Tag werde ich niemals vergessen, so hart er auch war.

Meine Regenhose, die ich bereits seit vielen Jahren besitze und zum ersten Mal wirklich existenziell gebraucht habe – sie war das wichtigste Kleidungsstück des Tages

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Hier gibt es ein tolles Video (von einem, der auf dem Supertrail unterwegs war – ich bitte die Zunge am Amfang zu entschuldigen), das sehr gut die Bedingungen an diesem Tag wieder gibt.

Ich habe eine offene Rechnung mit der Originalroute des ZST XL, deshalb:

ZUT2check! *g*

 

Heute morgen bei unserer Abreise zeigte sich Grainau und die Zugspitze von der Sonnenseite

 

 

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26 Kommentare

  1. Glückwunsch auch hier nochmal an euch!
    Die drei Ziegen standen bei mir auch noch so da. Glaube aber das sie Angst hatten 😦

    Scharnitzjoch runter war hammergeil.

    Bis bald mal wieder
    LG
    Robert

  2. Danke für den tollen Bericht. Ich bin am Samstag als Trail-Neuling nur den Basetrail XL gelaufen und habe mich gefragt, wie man es bei Dunkelheit und mit viel mehr Kilometern in den Beinen runter nach Grainau schafft. Jetzt weiß ich es. Danke.

    1. Als ich vor drei Jahren (ebenso beim Basetrail, damals noch ohne „XL“) dort runter bin, fragte ich mich das auch. Letztes Jahr beim Supertrail war es dann schon besser, denn ich wußte was auf mich zu kommt. Konnte jedoch noch bei Tageslicht runter. Die Dunkelheit dieses Jahr war gar nicht schlimm 😉

  3. Hallo Ihr Zwei, Ihr habt eine Super, Super Leistung vollbracht bei diesen extrem schwierigen Wetterverhältnissen!!!!!
    Wünschen Euch eine gute Regenerationsphase und gutes Essen, dami Ihr wieder zu Kräften kommt.
    Wir freuen uns schon darauf Euch wieder in die Arme schließen zu können um Euch von ganzem Herzen zu drücken.
    Bis Bald

    Mama und Papa

  4. Da ist es ja. Mein 20 Kilometer Schild.
    Mein persönlicher Horror und schuldiger des Ausstiegs 🙂
    Ich hoffe beim Supertrail nächstes Jahr läuft es besser.
    Ich bin gespannt. Glückwunsch zur starken Leistung ihr beiden.

    1. Danke! Du wirst sehen, beim Supertrail ist dieses „20k To Go“ ein Segen… denn dort weißt Du dann, das Du bereits das Doppelte hinter Dir wie noch vor Dir hast. Mir hat es letztes Jahr beim Supertrail ein Lächeln ins Gesicht gezaubert 😉

  5. Habe gerade endlich den ganzen Bericht gelesen und kann es echt nachfühlen. Ich hatte ja letztes Jahr auch schon mental ab dem Flachstück Richtung Geistesklamm meine Probleme und der Bannholzweg gab mir den Rest. So musste ich nach dem ich ewig lange für den Aufstieg zur V9 gebraucht habe erst mal fast 1 Stunde ausruhen um dann die Schleifen zu laufen und runter ins Ziel. Bei V9 habe ich auch schwer überlegt auszusteigen und gleich den Downhill zu nehmen. Aber die Vernunft hat gesiegt doch alles zu laufen.

    Auf dem Downhill hat es mich ziemlich unsanft auf die Seite gelegt der ist echt nicht einfach zu laufen und wenn dann noch Nässe und Dunkelheit dazu kommt ist es doppelt schwer.

    Das ganze hat mich im Ziel zu der Erkenntnis gebracht, das ich die nächsten Jahre nicht mehr dort laufen werden. Ehrlich gesagt ist die Strecke nicht so toll das man jedes Jahr hin muß, ist meine persönliche Meinung.

    Dann lieber kleiner Veranstaltungen die geilere Trails habe und auch weniger kosten. Sind dafür nicht alpin machen aber mehr Spaß. Ich mag lieber Trails statt Forstwege 🙂

    1. Ich bitte um Entschuldigung, sollte ich mich im Beitrag nicht klar ausgedrückt haben: Die Forstwege an sich hatten keine Krisen in mir verursacht. Und der Längenfelder-Downhill war in dem bewässerten Zustand leichter als die vergangenen Jahre 😉

      Welchen Veranstaltungen man beiwohnen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Forstwege gibt es überall, bei nahezu allen Veranstaltungen, ob groß oder klein. Letztendlich kommt es auf einen selbst an, wie man mental damit umgeht. Sie können z Bsp auch einfach rein zur mentalen Erholung dienen um wieder Kräfte für anspruchsvolle Trailabschnitte zu sammeln. Oder man kann sich in Ruhe die schöne Landschaft angucken, statt immer nur auf den Trail starren zu müssen.
      Jedoch liegt es mir hier mit diesem Beitrag keinesfalls in der Absicht, über das Für und Wider von Forstweganteilen oder Startgebühren bei Trailveranstaltungen zu diskutieren. Vllt schreibe ich irgendwann mal einen Beitrag speziell zu diesem Thema, dann darf sich da jeder gerne kommentarisch austoben.

      Ich persönlich mag den ZUT sehr gerne. Ich finde die Veranstaltung klasse, die Streckenführung auch und die Gegend dort sowieso. Und deshalb gehe ich sehr gerne jedes Jahr freiwillig dort hin 🙂 Zum Glück sind die Geschmäcker ja verschieden

  6. Gratulation zum Durchhalten!
    Was für eine Wahnsinnsveranstaltung.
    Wir waren auf dem Basetrail XL unterwegs und haben trotz der widrigen Verhältnisse Blut geleckt.
    Ich wünsche gute Regeneration!

    1. Hihihihi, freut mich das Ihr Blut geleckt habt! Ich wünsche Euch, solltet Ihr wieder bei der Veranstaltung teilnehmen, das es besseres Wetter gibt. Die Bergwelt, in der man unterwegs sein darf, ist super schön! Und der Abschnitt zwischen V9 und V10 hat so seinen ganz eigenen Charakter… á la Zuckerbrot und Peitsche, nur andersrum 😀

      Wünsche ebenso gute Regeneration! Meine ist schon gut fortgeschritten u ich muss mich beherrschen, noch 2-3 Tage die Füße still zu halten. Mit Alternativsport werde ich aber heute wieder anfangen 🙂

  7. Hallo Simone,

    bis zu dem Leberkäse war es aber ein hartes Stück Arbeit! Gratulation, dass ihr das bei dem Wetter durchgezogen habt. Ich habe beim Wetterbericht mitgelitten…

    Viele Grüße
    Sebastian

  8. Hallo Simone,
    Respekt, Respekt, hab‘ mir Deinen Bericht in aller Ruhe zu Gemüte geführt. Der Bericht fixt an, aber jetzt kommt erst mal Killarney, CU in Irleland!
    Ingo

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