Feieraben(d)teuer!

Heute zog es mich zum Jusi. Am Hohenneuffen war ich ja schon letzte Woche, ich wollte Höhenmeter machen und auf jeden Fall auf die Alb. Auch war ich von der Lust getrieben, an meiner Challenge weiter zu kommen. Als ich am Nachmittag in Richtung Jusi aufbrach, hatte ich jedoch keine Ahnung, welche Verhältnisse mich dort erwarten würden. Also erstmal checken, wie es gerade am Berg aussieht – ob trailrennen überhaupt geht. Normalerweise kann ich das – zumindest aus der Ferne – bereits ein wenig begutachten wenn ich mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause radel. Heute war dies nicht möglich. Der Hochnebel verschluckte die gesamte Schwäbische Alb. Als ob sie nicht existieren würde und niemals da war. Selbst als ich direkt auf den Jusi zugefahren bin, lag dieser tief im Nebel. Kein Gipfel zu sehen. Nun gut, am Fuß der Alb ist der Schnee bereits Geschichte. Spannend ist derzeit, inwieweit die Schneegrenze nach oben wandert – der Frühling(?) erkämpft sich Zentimeter für Zentimeter nach oben. Die Sonne hat dort, wo sie ihre Wirkungskraft voll entfalten kann, schon viel an Boden gewonnen. Aber eben nur dort, wo sie unbeeinträchtigt hinscheinen kann.

Der untere Drittel des Anstieges ist weitestgehend Schnee- und Eisfrei. Gut zu laufen – und es lief gut, ich fühlte mich gut. Würden die Verhältnisse halbwegs so bleiben, dann könnte ich heute mal an meiner Challenge weiter „arbeiten“. Dann, die ersten Stufen des mittleren Drittels – total vereist. Hoch geht´s noch gerade so, aber ich weiß jetzt schon das die heutige Herausforderung nicht im Aufstieg, sondern im Downhill auf mich warten würde. Insgesamt nicht mal 10m Vereisung- aber die haben es in sich. Danach habe ich wieder einen kleinen Streifen an der Seite des Trails, auf dem ich gut nach oben komme. Im Steilhang links von mir sind Forstarbeiter, sie säubern den Jusi von Gestrüpp (im Naturschutzgebiet?!?), das sie gleich verbrennen. Ich biege oben um eine Kurve und muss durch den Qualm des Gestrüpps. Sehr unangenehm, mein Puls schnellt in die Höhe weil die Lunge nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Der Spuk ist jedoch gleich wieder vorbei, der Nebel komprimiert die Qualmwolke. Ok, das würde noch gehen, kann ich aushalten. Dann habe ich die Schneegrenze erreicht. Das obere Drittel liegt unter einer Schneedecke. Jeglicher Schnee auf dem Trail ist platt getreten und durch das zig-malige auftauen, zu Sulz werden und über Nacht wieder gefrieren zu einer harten und rutschigen Schnee-Eis-Eissulz-Masse verbacken. Nicht gerade optimale Verhältnisse um ein reines Up-&Downhill zu absolvieren. Oben am Gipfel habe ich eine Sichtweite von höchstens 20 Metern. Sieht nicht gerade einladend aus, hier weiter zu laufen

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Ich hadere – was soll ich machen? Challenge oder Trailrun? Ich entscheide mich, erstmal den Downhill zu testen. Wenn es für meine Schuhe zu rutschig wird, dann nochmal hoch und weiter Trailrun. Wenn es einigermaßen mit Grip laufbar ist, dann Challenge. Schon nach wenigen Sekunden Downhill steht für mich fest – da will ich heute nur einmal runter müssen. Laufen? Rutschen!

Also geht´s in den Wald in Richtung Hörnle. Wow! Schneefreie Trails, bei denen alle Bremsen geöffnet werden können. Den Sattelbogen schnell erreicht und hoch zum Hörnle. Hier wird´s wieder etwas tricky, schneefreie Abschnitte wechseln sich mit der Backmischung aus Schnee, Eis und Eissulz ab.

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Irgendwie habe ich überhaupt keinen Plan, wohin und wieweit ich laufen möchte. Zum Hohenneuffen? Wäre nicht schlecht, aber etwas lang. Nicht zu lang für mich, aber zu lang für heute – denn die Stirnlampe liegt zu Hause.  Erstmal hoch zur Karlslinde, die ich auch recht flott erreiche – dort muss ich mich entscheiden.

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Ok, erstmal links Richtung Hohenneuffen, dann irgendwann das Kienbein queren um dann von rechts kommend wieder zur Karlslinde zu stossen. Der Kantentrail ist rutschig, so richtig Grip gibt´s bei keinem Tritt. Ich sehe MTB-Spuren – also wirklich, allergrößten Respekt an den BikerIn- bei den Verhältnissen ist laufen schon schwierig – aber mit dem Bike? Krass, echt. Da hätte ich wohl nicht genügend Mut zu.

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Nach ca. 1km biege ich ab um das Kienbein zu queren.

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Das Kienbein von oben

 

Ich nutze eine Trampelspur im Schnee die mich aus dem Wald auf die Hochfläche führt. Die Spur kreuzt eine Loipe – und danach verlieren sich die verschiedenen Spuren in alle Himmelsrichtungen. Normalerweise ist das gar kein Problem – wäre da nicht das Whiteout, in dem ich mich mitten drin befinde

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Ich habe keine Ahnung, was jetzt für die Querung die richtige Richtung ist. Ich entscheide mich, einer Schneeschuhspur zu folgen, die für mich halbwegs in die Richtung führt, in die ich will. Die Schneedecke gibt mal nach, dann wieder nicht. Mal breche ich immer nur mit dem linken Schuh ein und mit dem rechten Schuh gar nicht oder umgekehrt…dann wieder Loipe, die Schneeschuhspur ist weg. ARRGGHHH! Der Loipe folge ich ein wenig, weiß aber, das sie mich nicht dorthin bringt, wo ich hin will. Dann wieder eine Spur, in den Wald und zur Kante. Ich lasse der Vorsicht Vorrang und folge ihr. Nun bin ich wieder auf dem Kantentrail, habe aber nicht die Gewißheit, ob ich das Kienbein gequert habe oder nicht. wenn ich es nicht gequert habe (wovon ich ausgehe), dann muss ich nun links laufen. Wenn ich es gequert habe, dann muss ich rechts laufen um wieder Richtung zurück zu kommen. Ich war dort schon viel zu lange nicht mehr unterwegs – und im verschneiten Winter noch gar nie. Alles sieht gleich aus. Ich folge meiner Ahnung und laufe links auf dem Trail. Wenn ich nun meine Schuhabdrücke von vorhin finde, dann weiß ich das ich richtig bin. Wenn nicht, muss ich in die andere Richtung laufen. Logische Folgerung, die mir Orientierungssicherheit gibt. Schon nach den ersten Metern auf dem Trail sehe ich die bekannten und so typischen Abdrücke (sind unverwechselbar 😉 ) und bin erleichtert, wieder zu wissen, wo ich genau bin. Den Downhill von der Karlslinde runter zum Schillingskreuz bekomme ich ohne Sturz hin. Um nicht komplett auf demselben Weg wie ich gekommen bin, zurück zu laufen, nehme ich den Trail runter zur Dettinger Steige und werde belohnt

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Dann auf einem kurzen Stück Forstweg auf halber Höhe am Trauf entlang. Ich nutze den Abschnitt um mich mit einem Gel zu stärken. Das harte Ende – der Downhill vom Jusi – wartet ja noch auf mich. Von diesem Forstweg geht ein schnuckeliger Trail, den wir im Herbst bei einer Wanderung auserspäht hatten, wieder hoch zur Kante.

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Die Stimmung und die Farben, die mich umgeben, sind grandios. Das Braun der Trails und des Laubs, der Rauhreif an den Bäumen und den Sträuchern, das Whiteout, der Schnee – einfach wunderschön!

Mittlerweile ist die Uhrzeit etwas fortgeschritten und ich gebe auf den Abschnitten, die gut laufbar sind, Gas. Will ich doch auf keinen Fall in der anbrechenden Dämmerung oder gar im Dunkeln den Jusi runter müssen…

Der Gipfel des Jusi wird vom Nebel förmlich aufgefressen, die Sicht wir immer minderer. Zum Laufen sind ja 5m zum Glück ausreichend 😀 Der Downhill vom Jusi ist dann – neben dem Whiteout auf dem Kienbein – die Herausforderung des Tages. Mit entsprechender Vorsicht komme ich gut runter, im unteren Drittel kann man auch die Bremsen öffnen

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Auf diesen vereisten Stufen im unteren Drittel erwischt es mich dann doch – auf blankem Eis haben eben auch die besten Offtrail-Schuhe keinen Halt mehr. Mir haut es die Beine weg, ich lande sanft auf meinem Hinterteil und äusserst unsanft auf dem rechten Ellenbogen. Mit dem Beginn der Dämmerung komme ich am Auto an.

 

Die Erkenntnisse für heute:

Auch in heimischen Gefilden kann man sich verlieren.

Man muss nicht immer weit verreisen, um Abenteuer zu erleben. Manchmal stehen sie ganz unerhofft vor der Tür und im Feierabend 🙂

Das Schwimmen wird für die kommenden Male sicher wieder eine lustige Sache – der Ellenbogen wird mich bei jedem Armzug an den heutigen Nachmittag mit Nachdruck erinnern! 🙂

Meine Challenge muss leider warten…..

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6 Kommentare

  1. Auf jeden Fall kann man sich auch wirklich in heimatlichen Gebieten verlieren… Hier ist es zwar absolut flach, aber mit dem ein oder anderen Wäldchen ist man auch schneller mal weit weg und falsch abgebogen, als einem lieb war. Das Abenteuer wartet hinter jeden Ecke.

    Wirklich schöne Eindrücke und eine tolle Winterlandschaft. Der Nebel ist hier momentan auch immer wieder vertreten, aber lange nicht so dicht wie auf deinen Bildern. Mag ich total gern. Da ist es immer so schön still.

    1. Ja, das stimmt. Die Stille ist toll und tut unheimlich gut- vor allen Dingen wenn man einen (zu) lauten Arbeitstag hinter sich hat. Die Musik war mit dabei, aber sie blieb aus und in der Jackentasche 🙂

  2. Hatte letzte Woche die Möglichkeit mittags am Jusi zu laufen. 27 Km waren und die waren echt hart. Teilweise bin ich bis zu den Knien eingesunken auf der anderen Seite der Hochfläche.

    Als Tip zur Orientierung. Wähl mal bei deiner Suunto bei so was Track Back aus, dann wird dir deine bisherige Strecke angezeigt, dann kannst dich bisschen orientieren.

    1. Danke für den Tipp! Ich hätte ja auch den Kompass zu Rate ziehen können…Aber irgendwie war´s ziemlich spannend und mal eine ganz neue Erfahrung. In mir wirklich unbekanntem Gelände oder weglos im alpinen Bereich wäre mir sicherlich sehr mulmig geworden. Ohne Karte und Kompass bei Null Sicht auf Markierungen ist man da ziemlich aufgeschmissen.

  3. Uiiiiiii, voll die schöne Stimmung da oben, sowas liebe ich ja!!!
    Zum nächsten Abenteuer nimmst mich dann aber mit, gell?

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