ultra changes me

Nichts ist mehr so wie es war und Nichts bleibt so wie es ist….das ist die wichtigste Erkenntnis für mich aus den letzten 2 Jahren. Heute möchte ich mal ein wenig über all die ganzen Veränderungen an mir und in mir erzählen, die das Ultratrailrunning für mich im Gepäck hat…..  Ultratrailrunning ist inzwischen zu einer Lebenseinstellung für mich geworden, bei welcher der Weg das Ziel ist – sozusagen a neverending passion of a neverending lifechallenge. Der Sport, bei dem ich meine Liebe zu den Bergen und meine Liebe zum Ausdauersport vereinigen kann. Oftmals eine Gratwanderung, die spannend, emotional, freudvoll, krass, interessant, inspirierend, total verrückt, komplex, berauschend, entspannend und schmerzvoll ist. Eine Gratwanderung, bei der es so oft so schwierig ist, alle Bereiche meines Lebens unter einen Hut zu bekommen – Beruf, Alltag, Fernbeziehung und soziale Kontakte. Beim Ultratrailrunning gibt es garantiert immer neue Erlebnisse, neue Blickwinkel und neue Erfahrungen die einen herausfordern. Eintönigkeit und Langeweile gibt es nicht. Hier lernt man im wahrsten Sinne des Wortes wirklich nie aus. Höhen und Tiefen geben sich die Klinke in die Hand. Gleiche Situationen stellen sich oft anders dar und wollen neu gemeistert werden. Manchmal kommt es so wie man es sich vorstellt und manchmal genau und ganz anders. Man muss immer auf alles gefasst sein. Dies glückt mir mal schnell und manchmal braucht´s eben doch etwas länger bis ich den (mental) richtigen Weg oder die Lösung gefunden habe. Das *zu Recht kommen* in schwierigen Situation hängt einzig und allein von der Beschaffenheit der Gedanken ab. Je positiver, desto besser. Ein mentales Energiemanagement, das sich auch wunderbar in den Alltag integrieren lässt: ich bin gelassener geworden und überlege mir in unangenehmen Situationen meistens erstmal ganz genau, ob es sich wirklich lohnt, sich aufzuregen oder ob es nur reine Energieverschwendung ist. Ultartrailrunning ist so komplex, das ich nie alles auf einmal erfassen kann und es gibt dort für mich nur eine Grenze: die, die ich im Kopf habe und mir selbst auferlege.

2013 hatte ich meinen ersten „großen“ Trailrun und den Einstieg in Richtung Ultratrailrunning – der Zugspitz Basetrail. Ein sehr prägendes Erlebnis das mir die Gewissheit verschaffte „Ja, ich will mehr“. Und ich bin meinen ersten Marathon gelaufen: der Allgäu-Panorama-Marathon (APM). Einzuordnen in die Kategorie Landschaftslauf. Ich gestehe, ich hatte niemals in meinem Leben die Ambition verspürt, Marathon zu laufen. Weder auf der Strasse, noch auf Forstwegen und auch nicht auf Trails. Der APM letztes Jahr sollte eigentlich „nur“ als Vorbereitung für den Wörthersee Trailmaniak 57k dienen. Dort wollte ich Ultra-Premiere feiern. Leider wurde aus der Premiere nichts – wie das Leben eben so ist, oft kommt es anders als man sich erhofft und plant. In den letzten und trainingstechnisch entscheidenden Wochen vor dem Wörthersee fraß die Arbeit zu viel Energie auf, die mir dann für den Ultra fehlte. Mein Kopf war nicht mehr bereit mich dieser Herausforderung zu stellen, zu viel Bedenken hatte ich ob mein körperlicher Fitnessstand ausreichen würde und zusätzlich war ich mental ausgepumpt. Mit den bis heute erlangten (wenigen) Erfahrungen und Wissen weiß ich, das es körperlich möglich gewesen wäre. Aber ohne die Bereitschaft im Kopf geht bei Ultra mal gar nichts, egal wie fit und gut man trainiert ist. So meldete ich mich dann auf den 30k Trail am Wörthersee um und hatte einen wirklich schönen Tag auf schönen Trails mit Katja zusammen – ganz ohne Druck und mental befreit.

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Jedoch fingen nagende Gedanken und auch Enttäuschung eine Woche später an, sich in mir breit zu machen. Was ich bis dato von mir beim Sport nicht kannte. Ich war unzufrieden mit mir selbst. Sauer auf mich, das ich mich auf Arbeit so hab übereinspannen lassen um nicht mehr die nötige Energie für das zu haben, was mir wichtig war und auf was ich mich die ganze Zeit gefreut habe. Aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurück drehen – also sagte ich zu mir: „Simi, dann musst Du jetzt geduldig sein und es beim nächsten bevorstehenden Ultra besser machen“. Gesagt, getan. Diese Einstellung habe ich mir mittlerweile verinnerlicht – was nicht funktioniert, wird abgehakt und entweder – wenn erforderlich – sofort nach einer neuen Lösung gesucht oder beim nächsten Mal anders gemacht. Immer schön flexibel bleiben und die Augen offen halten. Manchmal hilft es auch einfach nur, das eigene Gedankengut in ein anderes Licht zu rücken und schon sieht alles wieder ein wenig heller aus. Während eines Ultras bedeutet das: die aufkommenden und sich unangenehm anfühlenden Strapazen wegdenken, sich gedanklich nicht darauf einzulassen, ihnen keinen Raum und keine Nahrung geben. Ablenkung ist angesagt.

Dieses Jahr war es dann endlich soweit: Ich habe den Zugspitz Supertrail und den Karwendellauf finishen können. 2 Ultras. Als ich vor 3 Jahren das Trailrunning für mich entdeckte, war ein Lauf über 12k oder von > 1,5h ein kräftiger Brocken für mich – nur am Wochenende und mit ausgiebiger Ruhezeit auf dem Sofa im Anschluss möglich. Ich war damals völlig platt nach so einem „langen“ Lauf – aber auch sowas von glücklich und zufrieden während des Laufens und danach. Jetzt bin ich körperlich soweit, das ich einen oder mehrere +/- 20k Läufe mit ordentlich Höhenmetern mal eben unter der Woche entweder vor oder nach der Arbeit runterreiß. Ein Lauf von 30k am Wochenende ist no problem und bedarf keiner speziellen Vorbereitung mehr. Mein Ziel ist es, meine Basisfitness soweit auszubauen, das ein Lauf um die 40 – 45k jederzeit möglich ist und nicht völlig platt macht bzw meine Gelenke, Sehnen und Bänder zum weinen bringt.

Im Laufe des Jahres 2013 fand ein Umbruch statt – das Loslassen vom Schwimmen in dem Umfang, wie ich ihn gewöhnt war. Das war schwer. Lange versuchte ich, mein Niveau in Qualität und Quantität beim Schwimmen neben der Steigerung der Laufbelastung zu halten. Im Kopf war mir schon lange klar, dass das nicht gehen würde: Schwimmen und Laufen auf – freizeitsportlich gesehen – hohem Niveau gleichzeitig zu betreiben. Häufige lange Läufe zollen ihren Tribut. Die größte Hürde dabei war, von der Gewohnheit loszulassen. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen und seit diesem Jahr habe ich die Balance gefunden. Das Schwimmen ersetzt mir das Stabitraining. Rumpfmuskulatur habe ich genügend – bei mir geht es nicht darum, diese zu stärken, sondern zu erhalten. 2 Schwimmeinheiten (ca. 6km) pro Woche genügen. Und damit der Rumpf auch gut arbeiten muss, schwimme ich oft Lagen und eine reine Kraulbeinschlageinheit ist auch immer dabei. Früher war ich bei 4 Schwimmeinheiten mit bis zu 20k in der Woche. Das Erstaunlichtse jedoch ist, das ich das Schwimmen im Vergleich zum Trailrunning mittlerweile ziemlich langweilig finde und es mir ein Rätsel ist, wie ich all die vielen km im Becken die Jahre davor ohne Langeweile hinter mich bringen konnte.

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Natürlich hat sich auch mein Körper verändert. Meine Füße sind – ich nenn es so für mich – „patschiger“ geworden. Schuhe, die vor 3 Jahren noch gepasst haben sind mir nun zu klein. Schuhe, die vor 3 Jahren reichlich und nur im Winter mit dicken Socken gepasst haben, gehen jetzt gerade noch so (aber nur mit dünnen Socken :-D). Glücklicherweise habe ich in der Zeit erst einen einzigen Fußnagel verloren und Blasen an den Füßen sind selten. Aber was ich immer habe: Dreck unter den Zehennägeln. Den bekomme ich nicht mehr los. Bis sich dieser nach mehrmaligem Duschen verabschieden könnte, kommt schon wieder eine neue Ladung dazu 🙂 Die Bein- und Pomuskulatur ist kräftiger geworden. Ob ich mehr oder weniger Gewicht auf die Waage bringe – ich weiß es nicht. Ich wiege mich nicht mehr, es interessiert mich überhaupt nicht mehr ob ich nun 50, 52 oder 54 oder xxkg wiege. Früher habe ich mich regelmäßig 2-3mal die Woche gewogen. Zu Anfang diesen Jahres hatte ich mir fest vorgenommen, mich einmal pro Monat auf die Waage zu stellen. Tja, wie das eben so ist mit diesen Neujahrs-Vorsätzen – einhalten tut man sie ja nur für eine kurze Zeit. Im Januar habe ich es gemacht. Seitdem nur noch einmal – und ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann das war. Ich glaube, irgendwann nach dem ZST oder so. Ich halte es nun nach der Faustregel: Solange meine Hosen passen wie immer ist alles in Butter. Und ich glaube, das ein oder andere graue Haar geht auch auf´s Ultrakonto 😉

Es gibt ab und an Tage, an denen könnte ich die ganze Zeit schlafen. Schlafen, ruhen, schlafen, ruhen, nix anderes. Geht aber nicht – dennn wie soll es anders auch sein – ruft die Arbeit ja trotzdem und man kann seinem Ruhebedürfniss nur bedingt nachgeben. Die Zeiten, an denen ich am Wochenende von ganz alleine um 05.00 Uhr morgens aufgewacht bin und putzmunter war sind vorbei. Liegt aber sicherlich nicht nur an meinen Laufambitionen. Zu der Abendzeit, wo ich früher Freitags schon meine erste Schlafphase auf dem Sofa erledigt hatte, sitze ich heutzutage entweder im Zug nach München oder im Auto zum Bahnhof um Katja abzuholen 🙂 Dem *nicht mehr so früh von alleine aufwachen*trauere ich ein wenig nach, denn solche Tage fühlen sich richtig lang an und man kann viel erleben und erledigen. Dann gibt es wieder Tage, an denen ich Bäume ausreissen und mir die ganze Welt erlaufen könnte. Oft träume ich davon, mir die ganze Welt laufend, gehend und radelnd anzuschauen. Um mindestens einen Regenerationstag pro Woche komme ich nicht mehr herum. Früher konnte ich wochenlang täglich Sport betreiben, ohne einen Ruhetag zu benötigen. Das kommt mir jedoch entgegen, so habe ich unter der Woche Zeit einen Teil meines ganzen Alltagskrams zu erledigen. Die Wochenenden sind nämlich für mich und Katja reserviert ❤

In der Startbox

Ich trinke so gut wie keinen Alkohol mehr. Dieses Jahr bin ich bis jetzt auf ganze 3 Gläschen Sekt gekommen. Das ist gar keine Absicht, ich verspüre einfach null komma null Bedürfniss mehr nach Alkohol. Früher war ein Glas Wein am Wochenende abends zum Vesper normal. Der Wein, der noch in meinem Keller lagert vergammelt so langsam aber sicher…..Meine eine Genusszigarette pro Tag habe ich jedoch noch nicht ad acta gelegt – ein Laster braucht der Mensch ja bekanntlich 😉

Mental und geistig kann ich mir ein Leben ohne regelmäßiges „lang unterwegs sein“ nicht mehr vorstellen. Es entspannt mich total und solch ein einziger Tag kann mir so viel geistige Erholung bringen wozu andere eine ganze Woche Urlaub benötigen. Mein Kopf wird dann von all dem Müll entleert, der sich so über die Zeit ansammelt. Je mehr sich von dem Müll in mir aufstaut, desto größer wird mein Bedürfnis nach lang anhaltender Bewegung in der Natur. Es ist so schön die Elemente zu spüren, egal ob sie sanft daher kommen wie eine angenehm wärmende Sonne oder einem wie Schneeregen, der begleitet von starkem Wind mit voller Härte ins Gesicht brüllt. Sich durch Matsch kämpfen, das noch am nächsten Tag anhaltende bizzeln der Brennesseln an den Beinen zu spüren, bluverschmierte und zerkratzte Beine von Brombeerbüschen und sonstigem zu haben (übrigens ist die Kombination von zerkratzten Brombeerbuschbeinen mit anschliessender Brennesseleinsalbung ganz besonders prickelnd 😉 ), über trockene Trails zu heizen, über Wurzeltrails tänzeln, sich den Berg mit kontinuierlichen kleinen Laufschritten und einem Mantra im Kopf erobern, im Downhill sämtliche Bremsen zu öffnen, die Aussicht genießen, die verschiedenen Stimmungen zu genießen, einen Abflug machen, über Baumstämme balancieren, drüber hüpfen und und und…. all das lässt mich sofort im Hier und Jetzt sein, der Fokus liegt einzig und allein im Moment. Alle negativen Gedankenspiralen sind auf Urlaub oder gerade in der Kaffeepause und meistens hinterher Vergangenheit.

Die Emotionalität dieses Sports fasziniert mich immer wieder und sie wird auch nicht weniger. So oft, eigentlich immer – z. Bsp. wenn ich ein Filmchen sehe, wo andere Ultratrailer von ihrem Sein als solcher erzählen bekomme ich Gänsehaut und muss Tränchen verdrücken. Sogar wenn ich auf Grund meiner wenigen Fremdsprachenkenntnisse eigentlich nicht mal die Hälfte verstehe. Die funkelnden Augen der Akteure zu sehen reicht mir. Ich erkenne immer ein kleines oder größeres Stück von mir Selbst. Irgendwie ticken wir doch alle gleich. Die beiden Songs „4Trails“ und „Coming home“ von TOBA sind für mich unweigerlich mit diesem Sport verknüpft und sofort kommen beim Hören meine Erlebnisse beim ZST in die Erinnerung.  Blöd, wenn man dabei gerade in einem vollen Zug sitzt und mit den Tränen kämpft 🙂  Ich höre grundsätzlich die Musik auf meinem MP3 Player in der Zufallswiedergabe und daher weiß ich nie wann was kommt. Bei manchen Liedern weiß ich noch genau, auf welchem Wegabschnitt ich beim ZST da gerade unterwegs war. Und wenn ich beim Laufen diese Musik höre, dann wird alles noch viel emotionaler…

Dasselbe passiert mir, wenn ich in einer schönen Landschaft unterwegs sein darf oder nach einem anstrengenden Anstieg viele Gipfel um mich herum sehen kann. Ich fühle mich seitdem viel mehr zur Natur verbunden als früher, sie berührt mich mehr und ganz tief in meinem Herzen. Ehrlich gesagt mache ich mir ein wenig Sorgen, wie ich im April den T40 beim MIUT schaffen soll – Madeira ist so unglaublich schön und ich kenne es bisher nur von Bildern und Filmen. Wie wird es dann wohl erst sein, wenn ich live dort bin und in dieser großartigen Landschaft unterwegs sein darf? Ich habe Schiss, vor lauter Rumgeheule den Trail nicht mehr sehen zu können….Tja, da muss ich wohl durch 🙂

Meine Sehnsucht zu den Bergen ist größer geworden, ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, und freue mich schon sooo sehr darauf, was ich noch alles erleben darf. Ich hoffe, das ich gesund bleibe und mir diese Leidenschaft noch ein sehr langer Begleiter in meinem Leben sein wird, denn sie ist so unheimlich bereichernd und gibt mir soviel positive Energie und Kraft und Lebensfreude!

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4 Kommentare

  1. Schön geschrieben!
    Weiterhin viel Spaß auf den Trails dieser Welt. Behalte deine Einstellung und deine Leidenschaft fürs Laufen, dann kann nichts schief gehen!

    Wir sehen uns auf dem Trail

    Viele Grüße aus Bad Reichenhall

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